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Altgläubige Bistumshistoriographie in einer evangelischen Stadt. Die Konstanzer Bistumschronik des Beatus Widmer von 1527: Untersuchung und Edition.

 

Mitarbeiter:

Erik Beck, Andreas Bihrer, Pia Eckhart, Thomas Gilgert, Catharina Kellermann, Kristina Odenweller, Gero Schreier, Katrin Streitberger, Clemens Weingart

 

Beschreibung:

 

Die Reformation ist in den letzten Jahren auch als Kommunikations- und Medienereignis in den Blick der Forschung geraten. Damit verbunden war eine verstärkte Thematisierung der Rolle von Streitschriften, Traktaten und Predigten sowie von Bildern, Symbolen und öffentlichen Ritualen in der reformatorischen Auseinandersetzung. Die Wahrnehmung der Reformation in der Geschichtsschreibung der Zeit hat hingegen weniger das Interesse der Forschung gefunden, was insbesondere für die altgläubige Perspektive und hier für die zeitgenössische Diözesanhistoriographie gilt. Mit der Edition und Kommentierung der Bistumschronik Beatus Widmers aus dem Jahr 1527 (Karlsruhe, GLA 65/11129), in der die Geschichte der Konstanzer Bischöfe mit Stellungnahmen zu den aktuellen reformatorischen Ereignissen verbunden, also Vergangenheits- und Gegenwartschronistik vernetzt sind, soll ein Dokument dieses von der Reformationsforschung vernachlässigten Aspekts zugänglich gemacht werden. Zugleich kann durch die Erstedition der drittältesten Konstanzer Diözesanchronik, die bislang noch nicht von der Forschung als Quelle verwendet wurde, ein Beitrag zur Erforschung der Bistums- und Stadtgeschichte, zur bisher kaum aufgearbeiteten Konstanzer Historiographiegeschichte und zur meist aus protestantischem Blickwinkel dargestellten Reformationsgeschichte des Oberrheins geleistet werden. In der der Edition vorangestellten Einführung werden der Autor, die Überlieferung und die Vorlagen der Chronik kurz skizziert sowie erste Ansätze einer Interpretation des Textes zur Diskussion gestellt. Im Gegensatz zur älteren historiographiegeschichtlichen Forschung, welche die anonym überlieferte Bistumsgeschichte nur am Rande zur Kenntnis nahm, sie für einen Auszug aus einem längeren Werk hielt und welche den Text einem anonymen Autor außerhalb von Konstanz oder dem Kaplan Johannes Huser zuweisen wollte, kann wahrscheinlich gemacht werden, dass der Konstanzer Kuriennotar Beatus Widmer die Chronik als selbstständiges Werk verfasst hatte. Diese Zuweisung lässt sich nicht nur mit biographischen Aussagen in der Diözesangeschichte belegen, sondern wird auch durch die Entdeckung einer älteren Fassung der Bistumschronik gestützt. Wie wertvoll die Diözesangeschichte Widmers ist, belegt zudem der Umstand, dass der Autor keine der bislang bekannten Bistumschroniken als Vorlage benutzte, sondern in vielen Fällen auf heute verlorene Zeugnisse zurückgriff. Die Chronik Widmers erlaubt, nach der zeitgenössischen Wahrnehmung der Reformation und der historiographischen Deutung der Konstanzer Ereignisse in der heißesten Phase des Konflikts zu fragen: In den Monaten, als Bischof Hugo von Hohenlandenberg und sein Hof die Kathedralstadt verließen und letzte Verhandlungen mit der Stadt scheiterten, verfasste mit Widmer ein Notar an der bischöflichen Kurie eine Bistumsgeschichte. Die Verteidigung der von Ordinarius und Hof vertretenen altgläubigen Positionen vor allem gegenüber den Bürgern der Bischofsstadt geschieht in der Chronik zum einen durch prononcierte Aussagen zum neuen Glauben und dessen Vertretern, zum anderen durch die Vergewisserung der Rechtmäßigkeit bischöflicher Ansprüche, die sich nach Widmer in der Bistumsgeschichte widerspiegelt. Der Chronist will mit seiner Schilderung und Deutung der Sukzession der Bischöfe, der Gründungsgeschichte von Stadt und Bistum, des Vorbilds heiliger Ordinarien, des Konstanzer Konzils und des Konflikts zwischen Rat und Bischof seine Leser darüber aufklären, dass ein Sieg des neuen Glaubens einen Bruch mit der Vergangenheit bedeuten würde, den Niedergang der Stadt zu Folge hätte und die von den Reformatoren verführten Bürger ins Unglück stürzen würde. Diese gezielte Verbindung von Vergangenheitsdarstellung mit der Bewertung gegenwärtiger Ereignisse und der Demonstration vermeintlicher Konsequenzen für die Zukunft macht den besonderen Wert der Konstanzer Bistumschronik Beatus Widmers von 1527 aus.