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Forschungsvorhaben, Silvio Fischer

Projektbeschreibung

Die seit Oktober 2017 von der Gerda Henkel Stiftung geförderte Arbeit befasst sich mit herrscherlicher Abwesenheit im Spätmittelalter. Anhand von Quellen, die im Zusammenhang mit der Habsburgischen Herrschaft über die „Vorlande“ westlich des Arlbergs entstanden sind, wird erforscht, wie spätmittelalterliche Herrschaftsverdichtung und ständige Herrscherabwesenheit sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Es wird gefragt, wie mittels Stellvertretern, symbolischer Kommunikation und dem Einsatz persönlicher Präsenz herrscherliche Interessen in einem sich dynamisch entwickelnden Herrschaftsraum durchgesetzt und gewahrt werden konnten.

Die ältere Forschung geht im Untersuchungszeitraum von einem stetigen Verlust des habsburgischen Einflusses westlich des Arlbergs aus. Neben der erfolgreichen Expansion der Eidgenossenschaft zulasten habsburgischer Territorialherrschaft hätten vor allem die Aquisitionen Tirols und Kärntens im 14. Jahrhundert die Besitzungen westlich des Arlbergs an den Rand habsburgischer Interessen gerückt. Dies drücke sich, so der Konsens, in seltener Präsenz habsburgischer Herrschaftsträger aus. Gleichzeitig hätte sich für dieses Gebiet ein elaborierter Verwaltungsapparat entwickelt.

Neuere, kulturwissenschaftliche Arbeiten ergänzen diese Erkenntnisse hinsichtlich Formen symbolischer Kommunikation, die auch in Abwesenheit der Herzoge deren Anwesenheit suggerieren sollte. An diese These will die Arbeit anknüpfen, um das Zusammenspiel unterschiedlicher Strategien des Absenzmanagements zu erklären.

Der Bearbeitung einzelner Fallbeispiele werden einige theoretische und begriffliche Prämissen vorangestellt. Zunächst ist zu klären, welcher Effekt der persönlichen Präsenz habsburgischer Herzoge westlich des Arlbergs von Herrschern und Beherrschten zugeschrieben wurde. Durch die Untersuchung von Klage- und Beschwerdeschriften chronikalischer und juristischer Natur wird herausgearbeitet, dass sich Beherrschte von der Anwesenheit von Herrschaftsträgern vor allem Rechts- und Friedenssicherheit versprachen. Die Abwesenheit von herrschaftlicher Autorität wurde wiederum als Argument für die Bildung autonomer Städte- und Bürgerbündnisse, an der habsburgischen Autorität vorbei, vorgebracht. Gleichzeitig entwickelten sich innerhalb von Landstädten politische Strukturen, für die abwesende Stadtherren als legitimierende Ressource dienten. Vor allem an der Stellvertreterposition der Schultheißen und von diesen ausgefertigten Urteilsschriften lässt sich aufzeigen, wie die Verrechtlichung urbanen Zusammenlebens kommunikative Bezüge zur Herrscherabwesenheit herstellte.

Als weiterer wichtiger Aspekt kristallisiert sich die aktive Instrumentalisierung persönlicher herrscherlicher Präsenz für juristische und politische Interessen heraus. Die Abwicklung von Rechtsgeschäften wurde beispielsweise, den Bestimmungen zeitgenössischer Gesetzessammlungen wie dem Schwabenspiegel entsprechend, an die Präsenz der Herzoge als Richter geknüpft. Hier stand die Rechtssicherung im Vordergrund. Die Wahrnehmbarmachung politischer Autorität durch das persönliche Auftreten von Herrschaftsträgern westlich des Arlbergs lässt sich Anhand chronikalischer Berichte nachvollziehen. Anlässlich Einzügen in Städte, großer Lehenstage oder Hochzeitsfeiern wurden Reichtum und Einfluss dargestellt. Dieser Eindruck wurde mittels dauerhafter Anbringung von Herrschaftssymbolen, beispielsweise von Wappenschilden an Kirchtürmen, im Bewusstsein der Beherrschten aufrechterhalten, auch in Phasen herrscherlicher Abwesenheit. Die kommunikative Wirkung persönlicher Kopräsenz mit Herrschaftsträgern wird in der Arbeit anhand von Augenzeugenberichten von Chronisten herausgearbeitet. Bei Konflikten, wie der Flucht Friedrichs IV. vom Konstanzer Konzil, wird wiederholt das persönliche Gespräch zwischen Kontrahenten als zentrale Situation dargestellt.

Die Verbindung von symbolischer und persönlicher Kommunikation im Ritual wird gesondert diskutiert. Verstanden als Akte choreographierter Kopräsenz politisch relevanter Personen erlauben es Rituale, zentrale Punkte (im physischen Sinn) durch Stellvertreter zu besetzen  Dabei wird der oben dargestellten Effekt persönlicher herrscherlicher Präsenz erzeugt. Die Nutzung feststehender Handlungsrahmen durch Stellvertreter politischer Akteure erzeugt eine beidseitige Erwartungssicherheit, welche deren persönliche Präsenz unter bestimmten Umständen obsolet machen konnte. Diese These wird durch einschlägige Quellenbeispiele, vor allem Konzeptualisierung städtischer Schwörtage in entsprechenden Rechtssammlungen, untermauert. Theoretische Tiefe und Anknüpfung an aktuelle geschichtswissenschaftliche Diskurse verspricht die theoretische Rückbindung an Rudolf Schlögls Konzept der vormodernen Anwesenheitsgesellschaft.

Als Grundlage für die Erarbeitung dieser Aspekte Herrscherlicher Absenz im Spätmittelalter wurde im eine Quellendatenbank angelegt, die, laufend ergänzt wird und momentan ca. 6000 Einträge umfasst. Dafür wurden bereits existierende Itinerare zusammengefasst und um digitalisierte Abschnitte einschlägiger Quellensammlungen wie der Regesta Habsburgica oder der Geschichte des Hauses Habsburg von Eberhard M. Fürst von Lichnowsky ergänzt. Weitere Quellen wurden durch eigene Archivarbeit in schweizerischen und süddeutschen Archiven neu erschlossen.[1] Ein einzelner Datensatz umfasst mindestens Datum und Ort der Ausstellung einer Urkunde sowie die ausstellende Person. Die Aufenthaltsorte der Herrschaftsträger können so für den gesamten Untersuchungszeitraum angegeben werden, was für die Untersuchung von Abwesenheit von zentraler Bedeutung ist. Circa 30% der Datensätze beinhalten außerdem ein kurzes Regest sowie den Bezugsort der Urkunde. Vollständige Datensätze geben Auskunft darüber, wo politische Akte in Gegenwart habsburgischer Herrscher vollzogen wurden und ob diese Akte Auswirkungen an Orten hatten, von denen sie zu diesem Zeitpunkt abwesend waren. Die Visualisierung solcher Beziehungen ist durch die Einspeisung der entsprechenden Geodaten in eine Kartensoftware möglich.


[1] Wegen des guten Erschließungsstandes einschlägiger Bestände sowie der problemlosen Zusammenarbeit mit den entsprechenden Archiven waren Archivreisen bis hierhin nicht notwendig.

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